Bindung und Beziehung

Grundlagen des Therapiebausteins „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“ von Dr. Jansen/ Uta Streit

Diesen Therapiebaustein haben Dr. Fritz Jansen, Lehrtherapeut für Verhaltenstherapie, und seine langjährige Mitarbeiterin, Diplompsychologin Frau Uta Streit, aus der „Körperbezogenen Interaktionstherapie“ weiterentwickelt. Die Anpassung erfolgte aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Unter Einbeziehung der aus der Verhaltensforschung bekannten Gesetzmäßigkeiten des Lernens erfolgt für die von einer Blick- und/oder Körperkontaktstörung Betroffenen der Aufbau einer positiven Haltung zum Blick-  und Körperkontakt auf einem noch sanfteren und effektiveren Weg, von dem sie in ihrer weiteren Entwicklung deutlich profitieren können.

Vorrangige Ziele von „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“:

  • Aufbau oder Verbesserung der Fähigkeit zu positiven Beziehungen zu nahestehenden Menschen, aber auch zum weiteren Umfeld
  • Aufbau oder Verbesserung der Fähigkeit, emotionale und körperliche Nähe als angenehm zu empfinden und diese selbst herzustellen
  • Verbesserung der grundsätzlichen Beziehungsqualität mit günstigen Auswirkungen auf viele Lebensbereiche

Anwendung der „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“ :

  • bei Säuglingen und Kleinkindern
  • bei Kindern und Jugendlichen in enger Zusammenarbeit mit diesen
  • bei Paaren als Brücke zu einer tiefen, liebevollen Beziehung
  • bei erwachsenen Einzelpersonen mit Problemen, Nähe zuzulassen

Erklärung einer Blick- und/oder Körperkontaktstörung:

Jeder Mensch, auch wenn sein Verhalten anders wirken mag, hat von Geburt an das Bedürfnis nach emotionaler Nähe und Annahme. Dieses ist schon genetisch angelegt.

Wenn ein Kind diese Nähe über Blick- und Körperkontakt erleben und annehmen kann, entwickelt es am ehesten ein gut ausgeprägtes, günstiges Beziehungsverhalten mit Interesse und Einfühlungsvermögen für andere.

Fehlt einem Kind aus unterschiedlichen Gründen die Erfahrung, in emotionaler Nähe Geborgenheit und Sicherheit zu spüren, so führt dies sehr oft zu weiteren Schwierigkeiten.

Wenn ein Kind sich Geborgenheit und Sicherheit nicht oder nur schwer aus der Nähe mit seinen Bezugspersonen holen kann, wählt es häufiger einen anderen Weg. Es versucht, Sicherheit und Kontrolle in verschiedenen Situationen über ungünstiges Verhalten bis hin zu Machtkämpfen zu erhalten. So bekommt es oft auf eine ungünstige Art „erzwungene“ Zuwendung von seinem Umfeld.

Dadurch entstehen sowohl beim Kind wie auch bei den Eltern und dem weiteren Umfeld viel seelisches Leid. Die Freude, die aus einer positiven Beziehung erwachsen kann, bleibt aus. Außerdem wird der Alltag durch die vielen Machtkämpfe sehr belastet, was viel Kraft kostet, die an anderen Stellen fehlt.

Mögliche Gründe für diese ungünstige Entwicklung können sowohl beim Kind wie auch bei den Bezugspersonen liegen. In vielen Fällen bemühen sich die Bezugspersonen sehr wohl um Gelegenheiten zum Blick- und Körperkontakt, jedoch lässt sich das Kind nur wenig oder gar nicht darauf ein. Dann hört man Aussagen wie: „Unser Kind kann uns nicht lange anschauen.“ oder „Unser Kind ist noch nie ein Schmuser gewesen.“

Auch wenn es so von außen wirkt, als brauche das Kind den positiven Blick- und Körperkontakt nicht, so bleibt aber das genetisch mitgegebene Bedürfnis lebenslang bestehen.

Deshalb sprechen wir in solchen Fällen je nach Ausprägung von einer Blick- und/oder Körperkontaktstörung oder -blockierung.

Diese zeigt sich darin, dass ein Kind vordergründig aktiv oder auch passiv den Blick- und/oder Körperkontakt vermeidet. Dennoch hat es in der Tiefe weiterhin das Bedürfnis nach positiver Zuwendung, das aber sozusagen „verschüttet“ ist.

Mögliche Erscheinungsbilder einer Blick- oder Körperkontaktstörung sind u.a. folgende:

Ist ein Kind betroffen (teilweise schon bald nach der Geburt beginnend), kann es sein, dass

  • es selten von sich aus den Blick- oder Körperkontakt zu den Eltern sucht.
  • es den Blick- oder Körperkontakt möglichst ganz vermeidet.
  • es einen Blick- oder Körperkontakt passiv über sich ergehen lässt und dabei von der Zuwendung und Liebe wenig fühlt.

oder

  • ein Blick-/Körperkontakt, wenn er stattfindet, meist nur kurz und recht unruhig verläuft.
  • es den Kontakt nicht genießen kann.
  • es sich nur schwer über Blick-/Körperkontakt beruhigen lässt, wenn es schreit.
  • es sich häufiger steif macht im Kontakt, ihn sogar aktiv vermeidet oder schreit.

Auch bei Jugendlichen und Erwachsenen lässt sich dieses Verhalten beobachten.

Wenn Eltern diese Reaktionen wahrnehmen, fühlen sie sich häufig zurückgewiesen und können sie nicht einordnen. Dies führt dann u.U. auch auf Elternseite zu Hilflosigkeit und dem Vermeiden von weiteren Zurückweisungen – Blick- und Körperkontakt wird weniger bis gar nicht mehr angeboten. Auch die Haltung, sein Kind nicht „zwingen“ zu wollen, kann zu diesem Verhalten führen.

Die Folgen können ähnlich wie bei einer Angststörung sein: Die als unangenehm empfundene Situation des Blick- und Körperkontakts wird vom Betroffenen zunehmend vermieden und dadurch die Blick- und/oder Körperkontaktstörung vertieft und stabilisiert. Positive korrigierende Erfahrungen, dass Blick- und Körperkontakt etwas Angenehmes und Schönes sein können, bleiben aus.

Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist Ziel des Bausteins „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“.

Mit einem Abbau der Blick- und/oder Körperkontaktstörung kann ein Mensch vom Säuglings- bis zum hohen Erwachsenenalter die Beziehung zu anderen, vor allem nahen Menschen, wieder vermehrt als positiv erleben lernen. Dadurch können all die für seine weitere Entwicklung günstigen Einflüsse wirksam werden.

Eine besondere Gruppe stellen dabei Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit autistischen Zügen dar. Für sie kann  „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“ eine besonders hilfreiche Methode sein, um mit den Menschen in ihrem Umfeld überhaupt zunehmend in einen positiven Kontakt zu kommen.

Die hier vor allem für Kinder dargestellten Punkte gelten erfreulicherweise in jedem Lebensalter. Selbst ältere Menschen, die bisher in ihrem Leben von den positiven Auswirkungen eines angenehmen Blick- und Körperkontakts nicht profitieren konnten, können umlernen. Die Vorgehensweise bei „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“ unterscheidet sich dabei etwas von der bei Kindern, kann aber ähnlich effektiv sein.

Mögliche Gründe, eine Behandlung zu erwägen

  • Sie können Ihr Baby über Blickkontakt und Kuscheln nur schwer beruhigen und es schreit viel, ohne dass Sie wissen, warum.
  • Sie spüren, dass Ihr Kind sich beim Anschauen und Schmusen nicht entspannt einlassen und dabei angemessen einfühlsam sein kann. Es sucht von sich aus den Kontakt nur selten bis gar nicht.
  • Ihr Kind neigt dazu, sich Ihre Aufmerksamkeit über ungünstige Verhaltensweisen zu holen, die nicht selten zu Machtkämpfen führen.
  • Ihr Kind hat eine Wahrnehmungs- und / oder Aufmerksamkeitsstörung, die evt. mit einer Blick- oder Körperkontaktstörung einhergehen kann.
  • Sie kommen als Paar nicht oder nur erschwert in ein tiefes gegenseitiges Spüren, das ihre Beziehung noch positiver machen kann.
  • Sie spüren bei sich selbst, dass Sie sich im Umgang mit anderen Menschen sehr schwer tun, auch längeren Blickkontakt oder Berührungen als unangenehm empfinden und dem am liebsten ausweichen?

Je früher ein Mensch bei sichtbaren Auffälligkeiten in diesen Bereichen behandelt wird, desto kürzer und effektiver kann in der Regel die Therapie sein.

Behandlungsangebot

Wenn Sie bei Ihrem Baby,  Kind oder bei sich selbst einen Bedarf vermuten, können Sie sich wegen einer Beratung an mich wenden. Wir ermitteln dann gemeinsam, ob dieser Bedarf tatsächlich besteht und ob der Einsatz des Bausteins  „Bindung und Beziehung nach dem IntraActPlus-Konzept®“ mit intensiverer Begleitung sinnvoll erscheint. In diesem Falle erläutere ich Ihnen die Grundlagen und die Vorgehensweise bei dieser Therapieform genauer.

Karin Kastner©, Juli 2018

  Weiterführende Literatur :

„Fähig zum Körperkontakt“ von Jansen / Streit               ISBN 978-3-642-41117-5        Springer Fachbuchverlag, 2015

 

Die Kommentare wurden geschlossen